AKTUELL
St. Zubova (Vi.), M. Savova (Klv.)
Werke von Schumann, Brahms, Schnittke
Lieder und Arien
E. Vassilieva (Sopran), H. Lampson (Bariton)
Werke von Vivaldi, Mozart, Beethoven, Schumann, Berlioz, Debussy, Strauss
Konzert Nr 2 im Rahmen des Gesangsmeisterkurses mit E. Vassilieva
Kursteilnehmer, H. Lampson, E. Vassilieva
"Russische Barockmusik"
A. Brussilovsky (Violine), Z. Meniker (Cembalo)
Werke von Luigi Madonis (Dt. Erstaufführung)
Abschlusskonzert des Meisterkurses von A. Brussilovsky
Kursteilnehmer, A. Brussilovsky (Vi.)
Pressestimmen
Kultura, Nr. 36, 23.9.2010
Aschenputtel und «Das Russische Heft»
Victoria Mun - 24 - jährige russische Sängerin - gab ein Konzert in Hamburg in der Alfred Schnittke Akademie, an der sie studiert. Die glänzende Begabung der jungen Künstlerin, ihre geistige und musikalische Reife haben einen starken Eindruck hervorgerufen, den ich gerne mit den Lesern teilen möchte. Aber zuerst - einiges über den Weg, den sie zurückgelegt hat.
Vika wurde in St. Petersburg geboren. Einige Zeit lernte sie an der Musikschule und liebte das Singen, solange sie sich erinnern kann. Mit 16 Jahren gewann sie einen Wettbewerb und reiste für ein Jahr als Austauschschülerin nach Amerika. Dort, in Kansas, erneuerte sie ihre erneuerte sie ihre musikalischen Übungen am Klavier und im Singen unter Anleitung guter Lehrer. Ohne mit irgendeiner Auszeichnung zu rechnen nahm sie an einem Gesangswettbewerb teil - und gewann die Goldmedaille. Dort wurde das Musical «Cinderella» von Rogers and Hammerstein inszeniert und Vika meldete sich für den Chor, aber man wählte sie zur Darstellerin der Titelrolle - sodass sich das Schicksal Aschenputtels in ihrem Leben wiederholte.
Nach ihrer Rückkunft schrieb sie sich in die Soziologische Fakultät der Petersburger Universität ein. Eines Tages hörte sie eine Aufnahme des «Russischen Heftes» von Waleri Gawrillin, gesungen von Sara Doluchanova. Das Werk erschütterte sie. Sie wünschte sich sehnlichst, Sängerin zu werden, um selbst diese ungewöhnliche Komposition aufführen zu können - und anders, als die berühmte Künstlerin. Sie begab sich auf die Suche nach ihrem Lehrer, jedoch ohne ihn zu finden. Dann traf sie ihn unerwartet in dem Kammersänger und Pädagogen Holger Lampson aus Hamburg, als sie dessen Kurse in Moskau besuchte. «Das ist mein Lehrer» - entschied sie und reiste nach Hamburg, bei ihm zu studieren. Dort schrieb sie sich ein in der von Lampson gegründeten und geleiteten Schule «Musikseminar Hamburg», seit kurzem umbenannt in «Alfred Schnittke Akademie International». Ausser den Gesangsstunden mit Lampson besucht Vika auch Unterricht in Schauspiel und musikalisch-plastischer Improvisation bei Jörg Andrees, sowie spezielle Vorbereitungskurse für Bühnengesang bei Elena Prokina. Hinter der Akademie stehen und geben Meisterkurse berühmte Musiker und enge Freunde Schnittkes - Irina Schnittke, Mark Lubotsky, Natalia Gutman, Wladimir Krainjev, Alexander Ivashkin und Gerhart Darmstadt. Im gemütlichen Konzertsaal der Akademie findet ein äusserts intensives Konzertleben unter Teilnahme von Pädagogen und Studenten, sowie eingeladenen Meistern statt. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Interpretation der zeitgenössischen Musik. Das Repertoire ist merkbar russisch ausgerichtet.
In den drei Jahren, die Victoria hier studiert, hat sie einge Soloprogramme erarbeitet. In dem erwähnten Liederabend mit dem Titel «Aus Volksmotiven» vereinte die Sängerin drei schwere und untereinander nicht ähnliche Gesangszyklen: «Sechs spanische Volkskanzonen» von De Falla, „Jiddische (Kinder-) Lieder» von Weinberg und «Das Russische Heft» von Gawrillin. Indem sie an den Flügel herantrat, gewann sie schon mit den ersten Phrasen das Auditorium für sich - durch die Schönheit ihrer Erscheinung, den Zauber und die seltene Natürlichkeit ihres Gesanges. Sie besitzt einen hohen lyrischen Sopran, dabei klangvoll und kräftig, mit durchsichtiger Höhe und vollem Timbre der tiefen Töne, sehr gleichmässig im ganzen grossen Tonumfang. Es ist, als ob die Klangführung für sie keine sonderlichen Schwierigkeiten macht, sie intoniert die ungewöhnlichsten Wendungen der Melodie, Sprünge aus einem Register ins andere leicht und ohne jede Anstrengung. Das Wichtigste ist, dass jedes Lied als Ganzes und im Detaille durchdacht und durchlebt ist.
Der berühmte Zyklus Manuel De Fallas wird oft von Mezzo- oder Altstimmen gesungen, die die Töne des Brustregisters mächtig aussingen, um damit den Ausdruck fataler spanischer Leidenschaft hervorzurufen. In der Interpretation von Victoria Mun herrschen zärtliche keusche Gefühle vor. In jedem Lied verkörpert sie ein individuelles Frauenbild, kontrastierend im Verhältnis zu den anderen. Allerdings steht ihr im abschliessenden Lied «Polo» auch genügend Temperament und Klangkraft zur Verfügung, um ungeduldige und glühende Liebe auszudrücken.
Den Zyklus auf Gedichte von Itzhak Leibush Peretz schrieb der junge Mieczysław Weinberg in der Kriegszeit, als er vom Tod seiner in Polen zurück gebliebenen Familie erfuhr. Das Echo des tragischen Erlebens lässt sich in der Musik erlauschen, obwohl es maskiert erscheint in gutmütigen Scherzen und zärtlicher Zuwendung zum Kind. Die doppeldeutige Natur der jiddischen Lyrik und des hebräischen Humors, sowie die damit verbundene Empfindung der Katharsis brachte die Sängerin eindringlich und mit psychologischem Feingefühl zum Ausdruck.
Am eindrucksvollsten erwies sich das Werk Waleri Gawrillins. Ich entsinne mich noch genau der Premiere des «Rusischen Hefts» und zahlreicher nachfolgender Aufführungen im Beisein des Autors, mit dem ich befreundet war. Seitdem ist fast ein halbes Jahrhundert verflossen, aber die Worte und Töne, im gleichen Atemzug geboren, überraschen noch immer mit ihrer künstlerischen Unbefangenheit im Ausdruck des Tragischen und ihrer frischen Verwendung des Folkloristischen in der Kunstmusik. Die junge Sängerin ist ergriffen von der Tragödie dieser merkwürdigen, poetischen unbändigen Seele. Mit hellhörigem Herzen versteht sie es, zwischen den Zeilen zu lesen, und die dort verborgene Wahrheit des Gesagt-Gesungenen zu erfassen. Ihr half dabei mit seiner vielfarbigen, bildlich-lebendigen Begleitung der erfahrene Pianist Alan Newcombe. Manchmal allerdings schlug die Welle seiner Emotion so hoch, dass der Klang des Flügels den Gesang überdeckte.
Ich brauche nicht zu unterstreichen, dass sich alles, was sich in dem «Russischen Heft» und den anderen beschriebenen Werken verbirgt der begabten Studentin sich offenbarte. Mit wachsender Erfahrung im Leben und in der Kunst und mit zunehmender Reife ihrer Stimmtechnik wird ihre Interpretation noch tiefer und vollkommener werden. Ich glaube an die künstlerische Zukunft von Victoria Mun. Merken Sie sich diesen Namen. Wir werden viel von ihr und über sie noch hören!
Michail Bialik, Hamburg
Übersetzung aus dem Russischen HL